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Die Kraft der Vierten Gewalt – investigativer Journalismus in Bulgarien

von Maria Spirova, Bulgarien

Die Vierte Gewalt – Medienprofis haben eine Hassliebe zu dieser Bezeichnung und aus gutem Grund. Auf der einen Seite gibt es ihnen einen Gefühl von Macht und Fähigkeit, besonders mit dem Bonus, immer die moralisch überlegene Partei zu sein. Ständiges Endecken von Missetaten, Unwahrheiten, Tyranneien, unermüdliche Öffentlichkeitsbildung. Doch es ist ein sehr zerbrechlicher Begriff. Einer, der nicht direkt vom Können, der Zielstrebigkeit oder vom Urteilsvermögen des Journalisten abhängig ist. Um der Bezeichnung „Vierte Macht“ in einer Demokratie gerecht zu werden, müssen die Medien nur eine Sache gewinnen: das Vertrauen der Bevölkerung. Wenn es niemanden interessiert, was gedruckt oder gesendet wird, sind selbst die größten journalistischen Bemühungen umsonst. Mit anderen Worten, wenn die Öffentlichkeit der Vierten Gewalt nicht glaubt, hört sie auf zu existieren – so einfach ist das. Ja, Zeitungen werden täglich gedruckt und manche von ihnen berichten die Tatsachen, während andere sogar Analysen anbieten, aber hinter diesen Worten steckt keine Macht, kein Potenzial, etwas zu verändern.

„Keine Veränderung!“ Das war der Konsens, den alle bulgarischen Reporter trafen, als sie die Ergebnisse ihre jahrelangen, undankbaren Arbeit bei einem Spezialseminar in Varna zur Lage des Investigativjournalismus in ihrem Land auswerteten. Die Veranstaltung wurde vom Verband der Bulgarischen Journalisten organisiert, und offengesagt lasen sich die Reportagen eher wie Grabreden als wie Übersichten. „Es sind nicht die Gewaltandrohungen, die uns abschrecken“, sagten die Berichterstatter „denn jeder, der versucht, Geschäfte in Millionenhöhe aufzudecken, muss mit Aggressivität rechnen. Nicht einmal, weil immer weniger Medienunternehmen die Recherche in große Geschäfte finanzieren (denn in einem kleinen Land haben die meisten Medienkooperationen ähnliche Interessen wie andere große Firmen). Sondern, weil wir wissen, dass nachdem unsere Artikel veröffentlicht werden, nichts passieren wird. Außer vielleicht, dass unsere Autos in die Luft gejagt werden. Keine Institution oder Bürgervertretung wird nach unseren Enthüllungen handeln, egal wie zündend oder drastisch sie sind.“

Wenn man die Herausforderungen auflistet, die auf den investigativen Journalismus in Bulgarien zukommen, ist es, als würde man eine Epikrise für einen Krebspatienten im fortgeschrittenen Stadium erstellen. Jede Zeile beschreibt Schmerz, Erniedrigung und Verzweiflung, ohne Hoffnung. Sicher, viele europäische Länder verzeichnen einen starken Rückgang des Investigationsjournalismus. Die Ermittlung krimineller Aktivitäten hat inhärente Gefahren, und auch Interessengruppen sind schwer zu unterwandern, dank raffinierter Pressearbeit sind Informationen schwerer zugänglich, und Redakteure haben erkannt, dass sich Nachforschungen über Insiderhandel oder Korruption in den Verwaltungen schlichtweg nicht verkaufen. Noch immer stellt sich bulgarischer Investigationsjournalismus als ein schier unüberwindbarer Berg von Behinderungen dar, der von allen Seiten aufgehäuft wird

Wenn man sich das Umfeld anschaut, in dem die bulgarische Journalisten tagtäglich arbeiten müssen, ist das erste, das wir sehen, ein Markt, der schlicht zusammen gebrochen ist. Lokalmedien mussten entweder aufgrund finanzieller Schwierigkeiten schließen oder wurden an örtliche Industrie- oder Landwirtschaftsgesellschaften verkauft. Die Medienunternehmen sind dabei nur ein hübsches Prestigeabzeichen für ortsansässige Neureiche, die ein Hotel, eine Miene und jetzt – warum auch nicht – eine Zeitung besitzen. Das macht es unmöglich, etwas zu schreiben, das dem Geldgeber missfällt, geschweige denn verärgert. Auf der anderen Seite ist genau diese geldgebende Elite normalerweise für genau die Taten verantwortlich, die den Anlass zur Recherche bieten, wie Korruption, Umweltverschmutzung, Wahlmanipulation etc. Provinzjournalisten befinden sich in einer Sackgasse. Und was ist mit den Mainstream-Medien? Haben sie mehr Freiheiten?

Ob die bulgarische Presse frei ist oder nicht, kann nicht leicht beantwortet werden. Und das ist, meiner Meinung nach, viel schlimmer, als ein einfaches „Nein“. In der Grauzone eines flügge werdenden Kapitalismus und einer Demokratie, die vielleicht niemals das Fliegen lernt, gibt es schlimmere Dinge als die staatliche Zensur der vorangegangenen kommunistischen Ära. Heutzutage sind die Medien zwar frei, aber nicht unabhängig. Jedes Unternehmen ist eine Art von Nebenfluss. Jedes ist im Besitz von Gesellschaften, die enge politische Verbündete haben und deren Interessen sie zu wahren versuchen. In Bulgarien haben alle Medien Verbindungen zu Parteien oder Großkonzernen. Diese haben bekanntermaßen kein großes Interesse an wahrheitsgemäßer Berichterstattung oder dem Weiterleiten von Informationen. Deswegen kommt ernsthafter Journalismus in Bulgarien immer an zweiter Stelle nach allem möglichen anderen. Die Entscheidungsmacher sind diejenigen, denen es um Profit und gute Beziehungen zu Machhabenden geht. Nicht gerade die Leute, denen Integrität und journalistischer Einsatz viel bedeutet. Es kommt noch immer häufig vor, dass Regierungsangestellte in Redaktionen anrufen und „empfehlen“, dass gewisse Informationen weggelassen oder verändert werden. Das Einhalten dieser „freundlichen Empfehlungen“ wird auch dann erwartet, wenn der Anruf durchsickert. Wie sollen die Medien eine signifikante Rolle in eine Demokratie einnehmen, wenn sie dazu verbannt werden, nur über ausgewählte Ereignisse und Fakten zu berichten und vor allem, wenn diese Situation kein Geheimnis ist?

Maria Spirova, 26, hat einen Bachelor in Kulturwissenschaften von der Universität Sofia und einen Master (Sc) in Kriminologie und Strafjustiz von der Oxford Universität. Sie ist Chefredakteurin des Weidenfeld Scolarship Newsletters, Redakteurin bei GLAMOUR Bulgarien und hat ihre eigene Kolumne in HER monthly, einem Magazin für Geschäftsfrauen.

 
 
 
 
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