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Die Kraft der Vierten Gewalt – Investigativer Journalismus in meinem Land

von Theresa Eisele, Deutschland

Vor dem Gesetz steht ein Türhüter. Zu diesem Türhüter kommt ein Mann vom Lande und bittet um Eintritt in das Gesetz. Aber der Türhüter sagt, daß er ihm jetzt den Eintritt nicht gewähren könne. Der Mann überlegt und fragt dann, ob er also später werde eintreten dürfen. (Franz Kafka, Parabel „Vor dem Gesetz“, 1914)

...Solche Schwierigkeiten hat der Mann vom Lande nicht erwartet; das Gesetz soll doch jedem und immer zugänglich sein, denkt er, aber als er jetzt den Türhüter in seinem Pelzmantel genauer ansieht, seine große Spitznase, den langen, dünnen, schwarzen tartarischen Bart, entschließt er sich doch lieber zu warten, bis er die Erlaubnis zum Eintritt bekommt.

Betrachtet man Journalismus in Deutschland einmal wissenschaftlich, so kann man nach Prof. Michael Haller drei gesellschaftliche Funktionen von Journalismus ausmachen:
Journalisten fungieren als Berichterstatter, sie informieren über aktuelle Ereignisse und Journalisten kommentieren diese Geschehnisse. Sie beziehen Stellung, interpretieren und bieten damit Orientierung im täglichen Informationschaos. Nicht zuletzt aber übt Journalismus in Deutschland Kritik und Kontrolle aus. Dazu muss nachgehakt und recherchiert werden. Journalisten müssen in ungemütliches Terrain vordringen und stoßen dabei auf Widerstände. Sie kämpfen nicht zuletzt gegen den Druck von Seiten verschiedenster Interessenverbände. Informieren, Kommentieren und Kritisieren – letzteres ist wohl kaum der bequemste Weg zu publizieren. Ebenso wenig ist es der Weg des geringsten Widerstandes. Doch die Prangerfunktion des kritischen Journalismus ist unerlässlich für die deutsche Gesellschaft. Seit Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt sich diese Funktion des Journalismus mehr oder weniger erfolgreich zur unentbehrlichen „Vierten Gewalt“ im Staat. Entscheidungsträger und Repräsentanten des Volkes, Behörden und Unternehmen, Verantwortungsträger: sie alle regieren, leiten und fällen Entscheidungen, oft nicht ohne gesellschaftliche Konsequenzen. Demokratien bieten ein Machtvakuum, das von wenigen ausgefüllt werden muss – manchmal wird diese Macht ausgenutzt.

Der Türhüter gibt ihm einen Schemel und lässt ihn seitwärts von der Tür sich niedersetzen. Dort sitzt er Tage und Jahre.

Spricht man von einer „Vierten Gewalt“ in Deutschland, muss man jedoch auch bedenken, dass Deutschland kein Vorreiter des investigativen Journalismus ist. Länder wie England oder die USA sind tiefer verwurzelt in der Tradition des Enthüllungsjournalismus. Deren Journalisten haben bis heute ein anderes Rollenverständnis: Sie sehen sich mehr in der Tradition des kritischen Nachforschers, als in der des Nachrichtenchronisten. Erste große Skandale, enthüllt vom kritischen Journalismus, wurden nicht von der deutschsprachigen, sondern von der englischsprachigen Presse aufgedeckt. Die erste verdeckte Recherche legte bereits im Jahr 1885 einen Mädchenhandel in London offen. In den USA waren beispielsweise schon 1906 die berühmten „Muckraker“ unterwegs – wie Enthüllungsjournalisten abfällig vom damaligen US-Präsidenten Roosevelt genannt wurden. Anfang der 1970er Jahre wurde dann „Watergate“ zum Symbol eines unerbittlichen Aufklärungswillens des amerikanischen Journalismus: Die Recherchen Bob Woodwards und Carl Bernsteins führten schließlich 1974 zum Rücktritt Richard Nixons.

Trotzdem gibt es auch in Deutschland Medien, die Öffentlichkeit als Tribunal begreifen und versuchen das Verdeckte aufzudecken. Das Wochenmagazin „Der Spiegel“ gehört zu diesen Medien. Er war es überwiegend, der ab den 1950er Jahren große Skandale enthüllte, in die auch wichtige Politiker involviert waren („Spiegel-Affäre“). Während der Recherchierjournalismus in Deutschland ab den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts immer mehr etabliert wurde, gibt es auch gegenwärtig Journalisten, die inakzeptable Zustände anprangern. Besonders präsent: Günter Wallraff, der vor allem die Technik der verdeckten Recherche nutzt. Zuletzt machte er auf Missstände bei LIDL, versteckten Rassismus und einen Datenskandal bei der Deutschen Bahn aufmerksam.
Bei all den Erfolgen – es gibt noch viel zu tun. Berichterstattung existiert nicht im luftleeren Raum, und so müssen vor allem veränderte Bedingungen im Arbeitsalltag der Journalisten realisiert werden. Journalismus ist als Teil eines Gesellschaftssystems von verschiedenen äußeren Faktoren abhängig, welche die Berichterstattung beeinflussen – zum Teil schwerwiegend. Einer dieser Faktoren ist die überwältigende Masse an Informationen, die tagtäglich die Redaktionen erreicht. Redakteure müssen diese Informationen filtern und innerhalb kürzester Zeit die wichtige Nachricht oder sogar den möglichen Skandal versteckt hinter der eigentlichen Information erkennen. Die Analyse und die richtige Einordnung des Materials aber braucht Zeit – Zeit, die im Redaktionsalltag oft nicht vorhanden ist. Zweitens müssen Journalisten mit einer stetig steigenden Komplexität umgehen, gleichzeitig aber Zustände trotzdem verständlich vermitteln. Komplexität muss vereinfacht werden, ohne zu sehr schwarz-weiß zu malen – eine Gradwanderung.
Ein dritter Faktor, der sich auf den Redaktionsalltag niederschlägt, ist die Konkurrenz der Medien untereinander. Seit Information schnell und kostenlos über das Internet bereitgestellt wird, kämpfen vor allem Printmedien um ihre Existenzberechtigung. Um dem Konkurrenzdruck standzuhalten, schneller zu liefern, aktueller zu sein als die anderen, haben Journalisten oft weniger Budget und weniger Zeit, um ein Mehr an Information zu liefern. Der Trend zum „schnellen Nachrichtenkonsum“ und zum Sensationalismus sind die Folge – Gift für den zeit- und kostspieligen investigativen Journalismus.

Schließlich wird sein Augenlicht schwach und er weiß nicht, ob es um ihn wirklich dunkler wird oder ob ihn nur seine Augen täuschen. Wohl aber erkennt er jetzt im Dunkel einen Glanz, der unverlöschlich aus der Türe des Gesetzes bricht.

Aus all diesen Gründen brauchen Journalisten dringend eine fundierte Ausbildung in der Königsdisziplin des Journalismus: Dem Kritischen. Junge Journalisten benötigen Hilfestellung, um nicht wie Franz Kafkas „Mann vom Lande“ „Vor dem Gesetz“ zu stehen – ohne jemals eintreten zu dürfen. Stattdessen müssen sie sich ihrer Macht und Verantwortung als „Vierte Gewalt“ im Staat bewusst werden und diese voll ausfüllen. Neben all dem Druck und Widerstand, dem Journalisten gegenüberstehen und all den Bedingungen, denen die Berichterstattung im 21. Jahrhundert unterliegt, müssen Journalisten große Verantwortung übernehmen: die Mächtigen kontrollieren, Entscheidungsträger genau beobachten und gesellschaftliche Trends frühzeitig erkennen. Verantwortung, die von einigen Wenigen gewissenhaft ausgefüllt wird und die dringend weiter übernommen werden muss, denn: Ohne investigativen Journalismus würde mein Land – Deutschland – heute schlechter dastehen.

Theresa Eisele, 23, studiert Medien- und Kommunikationswissenschaften an der Universität Leipzig und hat gerade einen Auslandssemester in Madrid hinter sich. Zuvor hat sie in beim Uni-Radio Mephisto gearbeitet, wo auch ihre Journalistische Präferenz für den Workshop liegt.

 
 
 
 
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