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Die Kraft der Vierten Gewalt – investigativer Journalismus in meinem Land

Von Thomas Seymat, Frankreich

Lange Zeit war investigativer Journalismus für mich eine Art fernes, fast mystisches Genre mit Helden wie Bernstein und Woodward, die eine geografisch abgesteckte Herkunft hatten: die angelsächsische Welt. Nicht, dass es keinen investigativen Journalismus in Frankreich gibt, aber ich kann mich nicht an eine investigative Story erinnern, der sich wirklich dramatisch auf das politische Leben ausgewirkt hätte. Die Fakten scheinen jedoch meiner Erinnerung zu widersprechen. In seiner Abhandlung „Skandal und die Entstehung investigativer Berichterstattung in Frankreich“ analysiert Jean K. Chalaby die späte und fragile Entwicklung des investigativen Journalismus in Frankreich. Er schreibt, „bis in die 1980er Jahre gab es in Frankreich nur zwei Veröffentlichungen, die zu Ermittlungen geführt und versucht haben, einige der widerlichsten Missstände des Landes aufzudecken. Es waren L’Express und Le Canard Enchaîne.“ (S. 1194) Historisch gesehen liegt die relative Schwäche des Investigativjournalismus an der traditionell eigensinnigen französischen Journalismuskultur, die tiefenrecherchierte Artikel für Kolumnen der Redakteure opfert. „Für den Großteil des 20.Jahrhunderts“, so Chalaby, „hatte das Faktensammeln und seine Veröffentlichung keine Priorität bei französischen Zeitungen. Französische Tageszeitungen hatten weniger Seiten und beinhalteten wesentlich weniger Informationen als ihre angloamerikanischen Pendants.“ (S. 1201)
Eine weitere Erklärung der Schwäche des investigativen Journalismus in Frankreich kann man bei den festen Verbindungen – manche würden betrügerische Absprache sagen – zwischen politischen und wirtschaftlichen Eliten und Chefredakteuren oder Journalisten, die wiederum ihre Mitarbeiter dazu anhalten, keine Artikel zu schreiben, die einen ihrer Freunde ans Messer liefern könnte. Diese Verbindungen, die oftmals auf den Bänken der Pariser „Grande École“, den renommierten Universitäten, gebildet wurden, sind gut dokumentierte Fakten. Die recherchierenden Journalisten verurteilen den Einfluss, den diese Beziehungen auf die Pressefreiheit und die Unabhängigkeit der Presse haben. Anekdoten scheinen das zu beweisen. So ist zum Beispiel Arnaud Lagardère, der Nicolas Sarkozy einmal vor laufender Kamera „seinen Bruder“ nannte, der Geschäftsführer von Lagardère Media, einer Kooperation, die viele Sender, Digitalmedien und Presse kontrolliert. Lagardère wird nachgesagt, die Redaktion des wöchentlich erscheinenden Le Journal du Dimanche unter Druck gesetzt zu haben, einen Artikel zu streichen, der dem damals neu-gewählten Präsidenten missfallen hätte. In der Tat wollte die Zeitung einen Artikel veröffentlichen, dass Sarkozys damalige Frau Cecilia nicht für ihn gestimmt hatte, da sie sich ihrer Stimme in der zweiten Runde der Präsidentschaftswahlen enthalten hatte. Geschockt blieb den Journalisten nichts anderes übrig, als sich über diesen „unakzeptablen Akt der Zensur“ zu beschweren.

In einem derart schwierigen Arbeitsumfeld, zusätzlich erschwert durch die Wirtschaftskrise, die jedes Redaktionsbudget belastet, gehen die französischen Investigativjournalisten durch harte Zeiten. Aber ich glaube, dass es noch Hoffnung für einen starken investigativen Journalismus in Frankreich gibt. Besonders das Internet bietet sich dabei als ein Medium an, das die Unabhängigkeit des Inhalts und des Zugangs kombiniert, den investigative Journalisten benötigen, um ihre wichtigste Rollen ausführen zu können, wie zum Beispiel Beamte zur Verantwortung zu ziehen oder weniger bekannte Geschichten zu beleuchten.

Thomas Seymat, 24 studierte Journalismus und Medienwissenschaften in Lyon, Frankreich und machte snschließend den Erasmus Mundus Master für Journalismus und Medien. Er hat in Dänemark, Deutschland, den Niederlanden und den USA studiert. Seine Arbeitserfahrung umfasst sowohl Praktika bei Zeitungen, als auch bei Online-Medien. Kürzlich arbeitete er als Praktikant bei der erfolgreichen Paid Content Website Mediapart.fr.

 
 
 
 
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